Meine Fotografien verarbeite ich nicht nur in eindrucksvollen Büchern, sondern stelle mit ihnen auch einzigartige Kunstwerke her. Fotos verlassener Orte werden auf Fundstücken dieser Orte, die im Grunde keinen Wert mehr haben, aufgebracht. Die so entstandenen Unikate verbinden die Geschichten der Orte mit den dort entstandenen Fotografien auf besondere Weise: Jedes Kunstwerk erzählt eine Geschichte, hält Emotionen, Historie und Verfall gleichermaßen fest. Erstmals werden diese Kunstwerke nun der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Ausstellung „Vergessene Welten – Lost Place Art“ widmet sich der sowohl meiner Fotografie als auch den Kunstwerken. Vom 22.02. – 31.03.2026 werden meine Werke im Kulturhaus abraxas ausgestellt.
Die Vernissage findet am 26.02.2026 ab 18:00 Uhr statt. Sie sind herzlich eingeladen!

15 Euro plus 1,80 Euro Versand. 64 Seiten Softcover farbig.

Bildergalerie Vernissage


Die Vernissage war ein voller Erfolg! Etwa 40 Besucher machten sich auf Entdeckungsreise. Eröffnet wurde die Veranstaltung vom Leiter des Kulturhaus abraxas Gerald Fiebig mit einer eindrücklichen Rede.

Ein Lost Place: Das ist eine nach menschlichen Plänen für menschliche Zwecke erbaute oder, allgemeiner gesprochen, errichtete Anlage – der aber durch ein bestimmtes Ereignis ihr Nutzungszweck oder schlicht die Menschen abhanden gekommen sind, die sie benutzt haben. Ein Ort also, der sich nun, mehr oder weniger lange Zeit nach diesem Ereignis, in einem Zustand befindet, in dem die Natur – sei es durch Vegetation, Erosion oder ganz allgemein die Gesetze von Entropie oder Schwerkraft – im Begriff steht, die in ihm materialisierten menschlichen Pläne zu revidieren. In diesem Zustand befanden sich die Lost Places, die wir hier sehen, als Agnes Hörter, ihre Kamera im Gepäck, sie vorfand.

Was ist es, das uns an diesen Lost Places faszinieren kann? Im Fall von Agnes Hörters „Lost Place Art“ ist hier zunächst die künstlerische Meisterinnenschaft zu nennen, mit der sie ihre Sujets fotografisch in Szene setzt. Mir scheint aber: Was uns an Lost Places berührt, geht tiefer und hat mit den Sujets selbst zu tun.

Allen hier gezeigten Orten kam ihr planmäßiger Nutzungszweck durch einschneidende Ereignisse abhanden. Deren Dimension kann von weltgeschichtlichen Ereignissen – Kriege, Ölkrisen – über Natur- und Brandkatastrophen bis zu Dramen reichen, die „nur“ einen mehr oder minder kleinen Kreis von Menschen betreffen, wie Firmenschließungen oder – ganz privat, aber gleichwohl existenziell – der Tod von Nutzer:innen oder Bewohner:innen. Das erinnert uns daran, dass auch unsere eigenen Pläne immer prekär und fragil sind, ganz im Sinne des barocken „Vanitas“-Motivs, das auf die Eitelkeit – im Sinne von Vergeblichkeit – allen menschlichen Strebens verweist. Nicht umsonst bezieht sich Agnes Hörter in etlichen Motiven der Ausstellung explizit auf die Bildtradition des Vanitas-Stilllebens. Statt Totenschädeln und faulenden Fischen wie auf Gemälden des 17. Jahrhunderts begegnen uns hier etwa Whisky-Gläser, die eingeschenkt, aber nie ausgetrunken wurden.

Aber mit dieser sehr allgemeinen Deutung hat man, so denke ich, die „vergessenen Welten“ der Lost Places noch nicht ganz erfasst. Denn gar nicht so sehr in den Gebäuden, sondern noch mehr in den Gegenständen, die Agnes Hörter dort vorgefunden hat und die sie für diese Ausstellung in Kunstobjekte transformiert hat, wird greifbar: Hier war nicht „der Mensch an sich“ in seiner abstrakten Vergänglichkeit am Werk – nein, mit diesen Gebrauchs- und Dekorgegenständen haben ganz konkrete, lebende Menschen aus Fleisch und Blut ihre Lebenswelten gestaltet. Sie haben geatmet, gegessen, getrunken, gesprochen – und diese Dinge berührt. Sie waren wirklich anwesend, auch wenn sie jetzt abwesend sind. Aber ihre Gebäude und ihre Gegenstände legen Zeugnis davon ab, dass es sie gab.

Wenn man davon ausgeht, dass ein Menschenleben Wert und Würde an sich besitzt – unabhängig etwa davon, ob Pläne scheitern oder gelingen – , dann kann man diese Spuren gelebter Leben auch als Auftrag verstehen, sich zu erinnern, was das für Menschen waren und was sie an dem jeweiligen Ort getan haben; einen Teil ihrer Geschichte zu erinnern und weiterzuerzählen. Es zeichnet Agnes Hörters Arbeit aus, dass sie genau das tut: nicht nur Objekte ins Bild setzt, sondern – in ihren Büchern wie auch im Katalog zu dieser Ausstellung – auch Recherchen mitteilt, die einen Einblick in jene Welten geben, die hier vermeintlich verloren gegangen sind. Nur „vermeintlich verloren gegangen“? Ja. Denn so, wie es heißt, die Toten seien erst dann ganz tot, wenn niemand mehr sich ihrer erinnert, so sind auch Lost Places erst dann ganz „verloren“, wenn niemand sie mehr wiederentdeckt. Aber mit den Orten auf diesen Bildern hat Agnes Hörter eben genau das getan. Gerade durch ihre künstlerische Forschungsarbeit sind die Welten, in die sie uns Einblick gibt, gar nicht so vergessen, wie der Titel der Ausstellung suggeriert. Diese Ausstellung erinnert uns: Nicht nur die sogenannte Weltgeschichte, sondern auch ganz normale Menschen haben ihre Spuren in ihrer Welt hinterlassen, und wir sind – auch dank Agnes Hörters Arbeit – in der Lage, diese Spuren zu lesen. Und das, scheint mir, ist nicht nur schön, sondern auch ermutigend.

Gerald Fiebig